In dieser Episode erfährst du mehr über die Zusammenhänge zwischen Introversion, Extroversion und Hochsensibilität in der Arbeitswelt. Besonders geht es darum, wie sich diese Faktoren auf unser Bedürfnis auswirken, unsere Zeit zu strukturieren. Höre also jetzt rein um mehr über dich und das Thema Zeit zu erfahren.

„Ein voller Terminkalender ist noch lange kein erfülltes Leben“

Kurt Tucholski

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https://youtu.be/mnJ98TqKqKU

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„Ein voller Terminkalender ist noch lange kein erfülltes Leben“

Dieses Zitat von Kurt Tucholsky ist sicher eine Binsenweisheit und doch scheint mir das Thema Zeit eine ganz besondere Herausforderung für uns hochsensible Menschen.

Und das gerade im Berufsleben

Ich schätze nach den ersten Umfrage-Ergebnissen zum Thema „Hochsensibilität in der Arbeitswelt“ hier im Podcast, dass die Mehrheit der Menschen die hier zuhören in einem Beruf tätig sind, in dem Zeit gegen Geld getauscht wird.

Eine 40h/Woche gegen einen Gehalt am Ende des Monats.

Dieses Modell stammt im wesentlichen noch aus dem Industrie-Zeitalter.

Mit der Erfindung der Maschinen und Fabriken konnte man diesen Tausch ganz einfach machen.

Ein Arbeiter der 8h an einer Maschine stand hat eine vorher berechenbare Anzahl an Produkten erzeugt, die einen bestimmten Wert hatten.

Wenn die Maschine schneller lief, konnte er bis zu einem gewissen Grad mehr Produkte erstellen, bis die Fehlerquote zu groß wurde.

Natürlich ist das jetzt sehr vereinfacht dargestellt, doch eines ist klar: der Arbeiter am Band hatte kaum Einfluss auf seinen Zeiteinsatz.

Er musste da sein und seinen Job so gut wie möglich machen. Fertig

Doch mit dem Informationszeitalter hat sich das geändert.

Kaum jemand arbeitet heute noch 8h am Stück an einem Projekt und macht dabei immer die nahezu selben Handgriffe.

Die Anforderungen an uns als Arbeitnehmer ändern sich gefühlt andauernd und Kommunikation ist ein großer Teil der Arbeit geworden.

Am Band stehende Arbeiter mussten kaum Beziehungen pflegen. Es reichte, wenn man mit den Kollegen gut auskam und sich nicht die Köpfe einschlug. Für diese Beziehungspflege wurden von der Geschäftsleitung Pausenräume geschaffen und 1x im Jahr der Betriebsausflug eingeführt. Der Rest – gemeinsame Kneipenbesuche, Grillnachmittage oder Kaffeerunden – war ggf das eigene Engagement in der Freizeit.

Wenn wir dieses Bild der Arbeit vor Augen haben, macht es Sinn, dass es einen „maker’s schedule“ gab. Einen Tagesablauf, der von großen Blöcken produktiver Arbeit geprägt war, um die sich einzelne, kurze Aufgaben platzierten.

Morgens die Kaffeepause vor der ersten Schicht. Dann 4h am Band, Dann Mittagspause mit Gesprächen mit den Kollgen. Anschließend ein kurzes Briefing vom Vorarbeiter und dann wieder für ein paar Stunden ans Band, bevor es am Abend nach Haus ging, nachdem man die Arbeitskleidung in der Umkleide gewechselt hatte und dort nochmal mit den Kollegen sprechen konnte.

Das ist natürlich ein sehr stereotypisches Bild, das ist mir klar. Und gleichzeitig hilft diese Pauschalisierung dabei, den wesentlichen Punkt dieser Epsiode zu verdeutlichen. Doch bevor wir den konkret benennen, lass mich auch ein stereotypisches Bild eines Arbeitsplatzes zeichnen, wie er heute in Deutschland sicher millionenfach existiert:

Morgens vor der Fahrt zur Arbeit schon mal das Diensthandy eingeschalten, die Emails gecheckt und was heute sonst noch so ansteht. Die ersten Infos kurz an die Kollegen weitergegeben. Den Weg zu Arbeit genutzt für Fortbildung, sei es ein Buch, ein Podcast oder andere Informationsquellen. In der Firma angekommen, gibt es erstmal zwei Meetings kurz hintereinander. Weil die Kunden das ja nicht wissen können, werden die Email im Meeting nebenbei beantwortet. Das zweite Meeting dauerte wieder mal viel länger als angesetzt, daher wir die Mitttagspause auf einen Besuch beim Dönermann beschränkt, da dann gleich das nächste Meeting angesetzt ist. Hier muss kurz nach der MIttagspause Höchstleistung bei einem kreativen brainstorming gebracht werden. Nach dem Meeting ist etwas Zeit. Emails werden abgearbeitet und kurz mit den Kollegen gesprochen, was als nächstes zu tun ist und wo die einzelnen Projekte hängen. Das erstellen der wichtigen Präsentation für den Chef dauert anschließend leider etwas länger, weil zwischendurch 2 Kunden mit einer ganz wichtigen Frage anrufen, die sofort geklärt werden muss. Somit wird es Abends mal wieder etwas später, denn die eigentliche Arbeit muss ja zumindest noch angefangen werden, damit man sie hoffentlich am nächsten Tag fertig machen kann.

Hast du dich vielleicht sogar selbst an der ein oder anderen Stelle wiedergefunden? Selbst in produzierenden Berufen, ist unsere Arbeitswelt immer mehr von Kommunikation und Koordination geprägt.

Das eigentlich erstellen von Produkten können die Maschinen heute oft auch alleine sehr gut. Es geht in vielen Berufen viel mehr um Informationsgewinnung, Informationsverarbeitung und Informationsweitergabe.

Und dafür hat sich der „manager schedule“ etabliert. Der Zeitplan, der von vielen kurzen Einheiten geprägt ist. Ein Manager entscheidet. Ein Termin dient dazu die nötigen Informationen zu bekommen um diese Entscheidungen mit einem möglichst guten Gefühl treffen zu können.

In der Regel gibt es kaum längere Zeitblöcke, in denen konzentriert an einem Thema gearbeitet wird bzw. gearbeitet werden muss.

Und es geht heute in diesem Podcast sicher nicht darum diese Entwicklung zu kritisieren. Sondern darum zu schauen, wie wir als hochsensible Menschen damit am besten umgehen können.

Paul Graham, einer der Gründer von Y Combinator, einem wichtigen Riisko-Kapitalgebern aus den USA die Firmen wie AriBNB, Dropbox oder Reddit mit Startkapital versorgt haben, ist bereits 2009 aufgefallen, dass es manche Menschen scheinbar mehr kostet an einem Meeting teilzunehmen, als andere.

In seinem unglaublich interessanten Artikel in seinem Blog – den ich dir natürlich in den show notes verlinke – führte er die Begriffe des Maker’s Schedule und des Manager’s Schedule ein, die ich jetzt schon ein paar mal verwendet habe.

Er nutzt in dem Artikel die Stereotypen des Programmierers der am liebsten im stillen Kämmerlein vor sich hin programmiert und des Bosses, dessen Aufgabe es ist, Entscheidung zu treffen und daher von einem Meeting zum nächsten springt.

Paul Graham beschreibt auch, dass beide Arten zu arbeiten wunderbar funktionieren.

Solange sie nicht aufeinander treffen!

Dann kommt es oft zu Konflikten und dass kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen.

In meiner Wahrnehmung gibt es heute kaum noch Aufgaben, die wirklich einem reinen Maker Schedule nachgehen können.

Besonders nicht für angestellte Arbeitnehmer, selbst wenn es ihre Rolle eigentlich verlangen würde.

Denn wie schon gesagt, die meisten Führungskräfte sind ja im Manager Schedule. Für sie sind Meetings ganz normal und wichtig.

Daher können Sie es auch kaum verstehen, warum es ein Problem sein sollte, mal ein Meeting zwischendurch anzusetzen oder sich kurzfristig zusammenzusetzen, wenn es etwas zu besprechen gibt.

Wir handeln ja immer aus unserer eigenen Perspektive heraus und nach unseren eigenen Präferenzen.

Erst Recht unter Stress!

Wenn du diesem Podcast schon länger folgst, weißt du sicher schon, dass rund 70% aller HSP auch eher introvertiert sind.

Ein Zeichen von Introversion ist auch, dass Kontakte im Aussen eher Kraft kosten und Energie aus der Beschäftigung mit dem eigenen Inneren gewonnen wird.

Fällt dir hier auch eine deutliche Parallele auf?

Chefs die den Kontakt mit anderen brauchen um ihre Aufgabe Entscheidungen zu treffen auch effektiv erfüllen zu können. Die Energie aus Meetings gewinnen und in der Gruppe am besten zu Ergebnissen kommen.

Und der Prgrammierer-Nerd, der sich am liebsten im Keller versteckt, von dem man kaum etwas hört und sieht und dann plötzlich mit einer fertigen Lösung für ein Problem um die Ecke kommt.

Extrovertierte vs introvertierte Menschen

Und du weißt sicher auch schon, dass diese Podcasts keine Entschuldigungen und Ausreden liefern sollen. Kein „so bin ich eben“ unterstützen wird.

Ich möchte dir Impulse geben, damit wir gemeinsam nach Wegen suchen können um als hochsensible Menschen besser im Alltag mit all seinen Herausforderungen zurecht zu kommen.

Ich habe selbst die Erfahrung gemacht, wie schwierig dieser Spagat sein kann

Daher werde ich mich auch dieses Mal wieder davor hüten, dir hier einfache Musterlösungen zu präsentieren.

Lass es mich also nochmal ganz klar stellen: fast alle Angestellten die ich kenne, leiden unter einer zunehmenden Fragmentierung ihrer Arbeitszeit und dem Druck einer Instant-Kommunikation.

Extrovertiert veranlagte Menschen kommen nur tendenziell besser damit zurecht, weil sie aus der Kommunikation im Aussen Energie gewinnnen, während es introvertierte Menschen zusätzlich schwer fällt, da allein der Fokus auf das Aussen sie Energie kostet.

Durch die Struktur der Aufgabe selbst, sind viele Führungskräfte oft extrovertiert oder müssen sich extrovertiert verhalten. Der Manager Schedule ist ihr Alltag und Teil des Jobs an sich.

Introvertiert veranlagte Menschen brauchen eher Zeit und Raum um sich ganz in eine Aufgabe vertiefen zu können,

Und wir wissen aus der positiven Psychologie: den eigenen Impulsen, dem eigenen Empfinden auch nachgehen zu können, ist ein wichtiger Faktor für das Gefühl einer Sinnerfüllung.

Oder umgekehrt gesagt: als introvertierter, hochsensibiler Mensch immerzu einem Manager Schedule folgen zu müssen, ist ein sicherer Weg sich auf Dauer unglücklich zu fühlen.

Doch wenn auch bei dir dein Chef vielleicht einem solchen Manager Schedule folgt, wenn auch dein Tag von Meetings und spontanem reagieren auf Impulse von aussen geprägt ist, was kannst du dann tun?

Paul Graham hat in seinem Artikel bereits vor 10 Jahren geschrieben, dass er Zeitblöcke nutzt.

Er teilt seine Zeit so ein, dass Meetings eher am Ende des Tages stattfinden, damit er den Tag über an seinen Projekte zu 100% arbeiten kann.

In meiner Arbeitsrealität geht das aber effektiv nur, wenn man selbst Chef oder Chefchef ist und so das Maß an Fremdbestimmung selbst ein Stück weit steuern kann.

Wenn man das nicht ist und der Chef vielleicht sogar noch extrovertiert veranlagt ist oder man Kundenkontakt hat, kann das kaum funktionieren.

Hier hilft manchmal eine räumliche Trennung, wenn es dein Job zulässt. Also im home office zu arbeiten, denn dann kann zumindest niemand plötzlich am Schreibtisch stehen mit einem „ich hab da nur mal kurz eine Frage…“.

Doch wenn man im home office nicht sofort auf Emails, Chatnachrichten oder Anrufe reagiert, weil man sich voll in eine Thema vertiefen will, dann entsteht schnell ein falscher Eindruck, also Vorsicht!

Ich habe selbst die Erfahrung gemacht, dass es ein starkes Konfliktpotential hat, wenn z.B. homeoffice bisher kaum oder nur in Ausnahmefällen zugelassen wurde und plötzlich einzelnen in einem Unternehmen das regelmäßig machen wollen.

Führungskräfte verlieren dadurch nicht nur die Möglichkeit spontan auf den Mitarbeiter zugreifen zu können sondern müssen sich auch noch mit dieser Gerechtigkeitsdiskussion auseinander setzen.

Wenn du das also auch für dich nutzen möchtest, kannst du deine Führungskraft vielleicht mit Argumenten unterstützen, die genau auf diese Punkte eingehen.

Je nach dem wie die Stimmung und die Kultur in deiner Firma ist, kann es helfen, ganz klar Zeiten für Blockarbeiten im eigenen Kalender zu blocken.

Und je nach dem wie aufgeschlossen der Chef ist, vielleicht auch mal die Stärken eines introvertierten Menschen herauszustellen, dabei aber auch Verständnis für die Anforderungen und den Arbeitsalltag des Vorgesetzen zu haben.

Im Büro hilft es manchmal auch, Kopfhörer aufzusetzen. Dass ist ein weitgehend kulturell akzeptiertes Zeichen für „sprich mich nicht an“.

Doch es gibt da auch Kollegen, die diese Zeichen gekonnt ignorieren und ihre Bedürfnisse nach einer sofortigen Kommunikation höher priorisieren.

Am besten funktioniert es daher, wenn man mit den Kollegen ein Zeichen vereinbart, mit dem alle sofort erkennen, dass man in seine Gedanken vertieft ist und nicht angesprochen werden möchte

Aber lass es mich nochmal klar betonen: ich glaube nicht, dass wir in unserer heutigen Arbeitswelt erfolgreich sein können, wenn wir Kommunikation vermeiden.

Kommunikation ist vielleicht die Schlüsselkompetenz für die Arbeitswelt von morgen

Es geht viel mehr darum, mehr deinem eigenen Rhythmus folgen zu können, wenn du introvertiert und hochsensibel veranlagt bist.

Ein krasses Beispiel, wie wichtig das sein kann, findest du in dem Buch „Die Kunst, sich nicht ablenken zu lassen: Indistractable“.

Darin erwähnen die Autoren, dass in den USA jährlich 400k Amerikaner durch falsche Medikamentenvergabe in Krankenhäusern zu Schaden gekommen sind, bis hin zum Tod.

Diese beängstigende Zahl konnte um 50% reduziert werden, als die Krankenschwestern während der Vorbereitung der Medikamente für die einzelnen Patienten eine gelbe Warnweste trugen.

Denn eine der häufigsten Ursachen für die falschen Medikamente waren Ablenkungen durch Kollegen und Patienten, die „nur mal schnell“ etwas wissen wollten oder brauchten.

Übrigens heißt es nicht, dass du als introvertiert veranlagte Person nicht auch eine Führungskraft sein kannst!

Es gibt viele Introvertierte Chefs und berühmte Persönlichkeiten wie Bill Gates oder Warren Buffet.

Doch gerade wenn das dein Ziel ist, dann hilft es um deine Veranlagungen zu wissen und effektive Routinen entwickelt zu haben um sowohl deinen individuellen Bedürfnissen als auch den Anforderungen und Stärken deiner Mitarbeiter gerecht werden zu können.

Wenn du mehr darüber wissen willst, empfehle ich dir das aussergewöhnlich gute Buch „Quiet“ von Suasan Cain. Ich verlinke es dir auch sehr gerne in den shownotes.

Lass mich nochmal den wesentlichen Punkt dieser Episode für dich zusammenfassen:

Als hochsensibler Mensch besteht eine 70% Wahrscheinlichkeit, dass du auch introvertiert veranlagt bist.

Also introvertierter Mensch würde ein Maker Schedule mit längeren Phasen konzentrierter Arbeit mehr unserem Naturell entsprechen

Und unserem Naturell folgen zu können, ist ein wichtiger Baustein das eigene Leben als Sinnerfüllt zu empfinden.

Die Realität unserer Arbeitswelt gerade als Arbeitnehmer sieht aber oft eher einen Manager Schedule, einen stark fragmentierten Arbeitstag vor.

Es ist also an uns selbst, Wege zu finden um mehr in Blöcken arbeiten zu können und eigenverantwortlich mit Benachrichtungsfunktionenn unserer Programme umzugehen.

Binde hierzu aber so weit möglich die Kollegen und Führungskräfte mit ein, denn sonst kann das schnell falsch aufgenommen bzw verstanden werden.

Vielleicht bieten die neuen technischen Entwicklungen ja zusätzliche Möglichkeiten deine Ideen hier umzusetzen.

Ich wünsche dir dabei ganz viel Erfolg

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